Der Wert der Arbeit

Folgendes Szenario kennt mit Sicherheit fast jeder von uns: Du gehst auf eine Party oder ein anderes Event und du lernst neue Leute kennen. Eine der ersten Fragen, die dir gestellt wird oder die du den anderen stellt ist „und was machst du so?“. Mit dieser Frage ist aber nie gemeint „was machst du so im Alltag, das dir Freude macht?“ oder „was machst du so in deiner Freizeit bzw. womit verbringst du gerne deine freie Zeit?“, mit dieser Frage ist letztendlich immer nur folgendes gemeint: „womit verdienst du so dein Geld?“. Das alleine zeigt schon, welch hoher Stellenwert die Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft hat. Es zeigt wie sehr wir uns selbst und die Menschen in unserem Umfeld durch ihre Arbeit und wodurch diese ihr Geld verdienen definieren.

Dieser Blick auf die Menschen ist aber sehr einseitig und wird so gut wie niemandem gerecht. So ist es möglich, dass jemand seit Jahren z.B. in einer Bank arbeitet, um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dieser Mensch beschäftigt sich aber in seiner Freizeit vielleicht mit wichtigen, unterstützenswerte Projekten, die anderen Menschen helfen, die weniger Geld haben. Wenn diese Person auf der Party nun „was machst du so?“ gefragt wird, möchte der Fragesteller nur hören „Ich arbeite in einer Bank“. Auf diese Antwort hin, wird der Mensch nun eingeschätzt. Hier kommen natürlich jede Menge Vorurteile ins Spiel und jemand, der in einer Bank arbeitet wird vielleicht als etwas spießig und sehr korrekt eingeschätzt. So hat man ganz schnell ein Bild im Kopf, wie ein Mensch wohl ist, nur weil man erfahren hat, wie diese Person ihr Geld verdient. Wie die Person aber wirklich, in ihrer Freizeit bzw. in ihrem Leben ist, welche Werte dieser Mensch vertritt und welche Aktivitäten ihn erfüllen, wird dabei vollkommen vernachlässigt. Dabei sind es genau diese Dinge, die einen Menschen wirklich ausmachen und die etwas über seine Persönlichkeit erzählen. Daran dass diese Dinge beim ersten kennenlernen oft gar nicht weiter interessieren, kann man gut erkennen, wie viel Wert der Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft beigemessen wird.

Doch nicht nur die anderen, auch uns selbst identifizieren wir häufig sehr stark über unsere Arbeit. Unseren Wert als Mensch machen wir ganz oft daran fest, womit wir unser Geld verdienen. Wenn wir uns selbst so sehen, können wir aber auch die anderen nur so sehen. Denn jede Verurteilung anderer beginnt immer zuerst bei uns selbst. Wie viele von uns stecken oft jahrelang in einem Job fest, der uns unglücklich macht, dennoch bleiben wir dabei. Oft auch aus Angst vor Statusverlust. Genauso beurteilen wir dann aber auch die Menschen in unserem Umfeld. Auch hier interessiert es uns meist gar nicht, ob jemand seinen Job gerne macht. So kann es sein, dass jemand eine sehr gute Stellung in seiner Firma hat, viel Geld verdient und viele Mitarbeiter unter sich hat. Diese Person wird von ihrem Umfeld dann meist sehr viel höher wertgeschätzt als die Putzkraft, die in der selben Firma arbeitet. In Ihrem Stellenwert steht die Putzkraft in den Augen der Gesellschaft immer weit unter der anderen Person, die vielleicht eine Stellung als Manager oder CEO in der Firma hat. Würde man nun aber beide Personen fragen, wie glücklich sie mit ihrer Arbeit sind, könnte das Ergebnis natürlich sein, dass die Putzkraft mit ihrer Tätigkeit wirklich zufrieden ist und ihre Arbeit gerne ausübt, während der Manager vielleicht sehr ausgelaugt und unglücklich in seinem Job ist. Leider ist es in unserer Gesellschaft noch nicht richtig angekommen, dass es im Leben nicht auf Status oder Geld ankommt, sondern auf Zufriedenheit und dem Gefühl mit sich und seinem Leben im Reinen zu sein. Menschen, die wirklich von sich sagen können, dass sie mit sich und ihrem Leben zufrieden sind, sind so selten. Es gibt leider so wenige Menschen, die wirklich zufrieden sind oder wenigsten Zufriedenheit anstreben. Sehr viele Leute streben oft nur mehr Geld oder mehr materielle Dinge an und hoffen natürlich, dass diese Dinge als Nebeneffekt auch mehr Zufriedenheit mit sich bringen. Doch dass Materielles nie zu echter Zufriedenheit führen kann, wird vielen Menschen oft erst viel zu spät klar.

Im Leben ist es wichtig, einer oder mehrerer Tätigkeiten nachzugehen, die dich erfüllen, die dir das Gefühl geben, etwas wertvolles oder wichtiges zu tun. Auch wenn deine Arbeit in deinen Augen nichts besonders wertvolles mit sich bringt, ist es schon absolut kostbar, wenn es dir einfach nur Spaß macht und dazu führt, dass du morgens schon richtig Lust hast aufzustehen und endlich loszulegen. Es sollte nicht wichtig sein, wie viel Geld dabei verdient wird oder wie groß die Firma ist, in der man arbeitet. In unserer Gesellschaft wird der Erwerbsarbeit allerdings ein unheimlich hoher Stellenwert beigemessen. Dabei ist es meist völlig egal, was ein Mensch in seinem Job empfindet. Der Job an sich ist das, was schon als wertvoll erachtet wird. Diesen Stellenwert hat er aber nicht verdient. Es ist kein Wert in der Arbeit an sich. Eine Arbeit ist dann wertvoll, wenn sie erfüllt, zufrieden macht oder motiviert. Wenn man aber nur die Beschäftigung an sich betrachtet, ohne diese Aspekte, dann hat sie keinen Wert in sich. Außer der Job beinhaltet wirklich wichtige und sinnvolle Tätigkeiten, z.B. Leben retten. Wenn wir aber von einem normalen Bürojob ausgehen, dann ist dies keine besonders heldenhafte Tätigkeit auf die man besonders stolz sein kann, nur weil man täglich früh aufsteht und sich ins Büro schleppt. Der selbe Bürojob der eine Person unglücklich macht, kann dann Wert erlangen, wenn er die Erfüllung einer anderen Person ist. Erst dieser Mensch und seine Gefühle zum Job können der Arbeit einen Wert verleihen. Was aber in unserer Gesellschaft immer wieder passiert, ist, dass die Aspekte, die einer Arbeit Wert verleihen können, völlig außer Acht gelassen werden. In Deutschland bzw. der westlichen Welt zählt meist tatsächlich nur die Beschäftigung, völlig unabhängig davon, ob sie einem Menschen Erfüllung oder ähnliches gibt.

Es gilt die Aussage, dass die Arbeit an sich ihren Wert schon in sich trägt. Von diesem Gedanken müssen wir uns aber verabschieden. Zu arbeiten ist nichts heldenhaftes, viele tun es einfach nur, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, obwohl so viel mehr Potenzial in ihnen stecken würde. So ist es meist auch Konsens, dass jeder, der seinen Wert nicht über seine Arbeit definiert von anderen abgewertet wird. Wenn nun jemand in seinem Bekanntenkreis erzählt, dass er oder sie nur noch das mindeste an Stunden pro Woche arbeiten möchte, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, dann wird diese Person von anderen sofort abgewertet und als faul oder arbeitsscheu bezeichnet. Und gerade in Deutschland ist es in den Augen der meisten Menschen extrem negativ, wenn eine Person möglichst wenig arbeiten möchte. Es ist in unseren Köpfen so stark verankert, dass Menschen, die weniger oder gar nicht arbeiten wollen, auch weniger Wert sind. Dies passiert in erster Linie durch Menschen, die sich stark durch ihren eigene Job definieren und Angst davor bekommen, ihre eigene Identität in Frage stellen zu müssen, wenn ihnen plötzlich vor Augen geführt wird, dass man auch weniger arbeiten könnte und dennoch Sinn im Leben findet oder sogar mehr Sinn findet als vorher. Zu diesem Punkt zählt auch die Konstellation, dass Menschen, die ihre Zeit mit Tätigkeiten verbringen, die kein Geld erwirtschaften, ebenso in der Gesellschaft abgewertet werden. So wird Hausarbeit und Kinder großziehen oft immer noch mit einem Lächeln bewertet, obwohl jedem, der schon mal einen Nachmittag mit Kindern verbracht hat, klar sein müsste, dass diese so viel anstrengender sind als der durchschnittliche Bürojob. Neben der Anstrengung kommt noch hinzu, dass Kinder erziehen und großziehen einer der wichtigsten Jobs überhaupt ist, der tatsächlich seinen Wert in sich selbst trägt. Ähnlich ist es, wenn jemand ein Projekt auf die Beine stellt, dass reichlich Geld einbringt und jemand anderes vielleicht ein ganz ähnliches Projekt nur für sich selbst umsetzt, ohne dass dabei etwas verdient wird. Ersterem wird wahrscheinlich weit mehr Anerkennung und Respekt zuteil als der zweiten Person. Wenn jemand viel Zeit, Motivation und Engagement in ein Projekt steckt, mit dem letztendlich kein Geld verdient wird, wird über diese Person meist sogar der Kopf geschüttelt und sich gewundert, wie man nur so seine Zeit verschwenden kann. Leider wird in unserer Gesellschaft echtes Engagement, ohne dass dabei Geld verdient wird, tatsächlich als Zeitverschwendung angesehen.

Welch hohen Stellenwert Arbeit bei uns hat, kann sehr gut daran beobachtet werden, wie sehr arbeitslose Menschen oft abgewertet werden. Tatsächlich gelten Menschen, die keine Arbeit haben, häufig als weniger wertvoll und werden leider oft auch so behandelt. Daran sieht man, welch riesiger Wert der Arbeit beigemessen wird. Oft ist es sogar völlig egal, was man eigentlich arbeitet, alles scheint besser als keinen Job zu haben. Selbst wenn man seine Zeit auf der Arbeit völlig sinnlos in einem Job verbringt, der unglücklich macht, es ist dennoch in den Augen vieler Menschen besser als keine Arbeit zu haben. Und dies obwohl man seine freie Zeit, wenn man keine Arbeit hat, so viel sinnvoller nutzen könnte. Jemand der nicht arbeiten geht, könnte ein Ehrenamt annehmen, sich für wichtige Hilfsprojekte einsetzen oder ein Instrument und eine neue Sprache lernen, auch hat man die Möglichkeit sich weiterzubilden, wenn man genug freie Zeit zur Verfügung hat. Und all dies wird als weniger wertvoll angesehen als einen Job zu haben, egal wie unsinnig dieser Job für die Person letztendlich vielleicht ist. Man muss nur eine Stelle finden und schon steigt man in den Augen vieler Menschen in seinem Wert, weil in unserer Gesellschaft fast alles besser ist als keinen Job zu haben.

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